Von Leben
und Tod
Ein sehr tiefgründiger und lesenswerter Artikel von Daniela Böhm finde
ich.
Es gibt keine Worte für die Endgültigkeit des Todes.
Und es gibt auch kaum
Worte, das Warten auf diese Endgültigkeit zu beschreiben.
Und doch möchte ich versuchen,
etwas in Worte zu fassen. Als verzweifelten Hilfeaufruf für all jene namenlosen
Geschöpfe an all jene, deren Herzen gegenüber ihrem unfassbar großen Leid noch
nicht offen sind.
Ohnmacht.
Immer wieder Ohnmacht. Sie ist es, die mich überfällt, wenn die
Transporter mit den Schweinen tief in der Nacht in den Münchner Schlachthof
einfahren.
Manchmal ist es totenstill wenn
die Wagen einfahren, kein Laut dringt hervor, nur der Gestank angsterfüllter
Ausscheidungen bleibt zurück. Aber manchmal schreien sie. Ihre Schreie gellen
durch die tiefschwarze Nacht und dann weiß man, warum die Schweine im Münchner
Schlachthof tief in der Nacht getötet werden. Der Schlachthof liegt mitten in
der Stadt.Der Transporter ist schnell außer Sicht, er
fährt ganz weit hinten nach rechts,
aber
ich weiß, was jetzt passieren wird. Sie werden entladen, kommen in einen
„Ruheraum“, dann die elektrische Betäubung und schließlich der „Stich“. Von
diesem „Stich“ erzählt mir ein Metzger am nächsten Tag bei der 5. Mahnwache am
Münchner Schlachthof. Er will wissen, was wir hier tun und meint, dass das
Problem nicht die getöteten Tiere seien, sondern schlecht gelernte Metzger, die
diesen Stich nicht richtig ausführen.
Er steht so dicht vor mir,
dass ich dauernd einen Schritt zurückgehe. Aber jedes Mal, wenn ich das tue,
macht er wieder einen Schritt nach vorn.
Er legt mir die Hand auf den
Arm und ich zucke zurück. Diese Hand bedeutet Tod. Tausend-,
hunderttausendfachen Tod. Dreißig Jahre Schlachter. Jetzt wäre sein Rücken
kaputt, erklärt er mir. Ob er kein Mitleid mit den Tieren habe, frage ich ihn.
Nein, meint er – wegen dem richtig ausgeführten Stich, denn damit würde ein
Schwein nicht unnötig leiden. Er geht und ich bin froh
darüber.
Das Mitleid wird wegrationalisert. Nicht nur bei diesem Metzger, sondern bei
all jenen Menschen, die wenig oder viel Fleisch essen. Alles wird ausgeblendet.
All das, was vor diesem Stich geschieht und noch weit davor.
Die Lebensfreude eines Wesens, als es in diese
Welt kam und seiner Natur folgen wollte. Etwas, das durch Massentierhaltung
unmöglich ist und nur ein langes, qualvolles, zusammengepferchtes Warten auf den
Tod bedeutet. Und selbst wenn ein Schwein artgerecht auf einem Bio-Bauernhof
leben konnte – wie grausam ist es, ihm dieses Leben und seine Freude daran
gewaltsam zu entreißen. Die Biotierhaltung dient vor allem dem Menschen. Um sein
schlechtes Gewissen zu beruhigen oder wegen des Geschmacks oder des
gesundheitlichen Aspekts.
Keine Antibiotika, kein
genmanipuliertes Soja. Es gibt aber kein gesundes Fleisch, nur totes. Tod kann
nicht gesund sein, Gesundheit hat mit Lebendigkeit zu tun. Tod ist tot.
Es dämmert schon, als ein letzter kleiner Transporter mit jungen
Schweinen einfährt. Keine Schreie sind zu hören und auch in mir ist Stummheit.
Vor Schmerz.

Bildquellenangabe: Miguel Carulla /
pixelio.de.
Gegen halb sieben fahren die ersten
Transporter mit den Rindern ein. Jetzt sind die Abstände noch groß, aber gegen
Mittag rollt einer nach dem anderen ein. Am Freitag werden mehr Rinder als sonst
geschlachtet. Es ist heiß, um die vierunddreißig Grad.
Die Transporter fahren
nach links um die Ecke, am Fischrestaurant Atlantik vorbei, das gleich in der
Einfahrt des Münchner Schlachthofs liegt. Ein Stück weiter dahinter ist der
Entladeplatz und die Schleusen, in die sie eingetrieben werden. Lange Gänge mit
Metallabtrennungen, noch im Freien, in der die Tiere auf ihren Tod warten.
Kein Zurück ist mehr möglich. Manchmal versuchen
sie es, aber es geht ja nicht, hinter ihnen steht der nächste Leidensgefährte
und hinter dem letzten wird die Untentrinnbarkeit des Todes durch eine dicke
Metalltür besiegelt. Die hilflosen Blicke dieser sanften Wesen, wenn sie dort
stehen und warten müssen, haben sich tief in meine Seele eingebrannt.
Ich wage mich um die Ecke, bleibe hinter dem Restaurant stehen und schaue auf
die Transporter, die in der glühenden Mittagshitze stehen. Durch die offenen
Klappen sehe ich die rosa Schnauzen der Rinder und ihre weit aufgerissenen
Augen. Einige unter ihnen sind über und über mit Kot besudelt, auch am Kopf. Je
nach Größe des Transporters stehen sie zu zweit oder zu dritt in Abtrennungen.
Ich packe meinen Mut zusammen, hole zwei große Wasserflaschen und Schälchen und
gehe mit einer Freundin zu einem der Transporter. „Das bringt nichts, die werden
nichts trinken“, erklärt mir der Fahrer. Er hat recht, der Versuch ist zwecklos.
Todesangst nimmt jeglichen Raum ein, jedes Bedürfnis, selbst das natürlichste,
geht in ihr unter.
Verzweifelte Blicke, verzweifelte Hilferufe.
Das Rufen der
Rinder, das auch all jene Münchner hören, die an der Mauer des Entladeplatzes
vorbeigehen oder in der Nähe wohnen, erschüttert durch und durch.
Es
ist anders, wenn man dieses Warten auf den Tod miterlebt. Es zu beschreiben,
fällt schwer. Es gibt nur Wortausdrücke
dafür.
Ohnmacht.Grauen.Hilflosigkeit.Trauer.Entsetzen.Schrecken.Qual.Verzweiflung.Todesangst.
Es sind hilflose, menschgemachte Wörter.
Die Rinder drücken ihre
Verzweiflung durch ihre verzweifelten Rufe aus.
Ich versuche, die meine in
Worte zu fassen.
Ein kärglicher Versuch.
So wie jener Versuch, einem
Mitarbeiter, mit dem ich bei der vorletzten Mahnwache gesprochen habe, zu sagen,
warum ich mir die wartenden Transporter ansehe.
„Warum tun Sie sich das an?“,
fragt er mich. „Sie tun mir so leid“, antworte ich. Für mehr fehlen mir die
Worte. „Aber dann schlafen Sie schlecht, wegen der Bilder in Ihrem Kopf.“
Er
sieht mich tatsächlich besorgt an.
Wie kann er schlafen? Ich will nicht stumpf werden wie die abgewetzten
Messer der Metzger. Lieber habe ich die Bilder in meinem Kopf und kann nicht
einschlafen.Ich gehe wieder hinaus zu den vielen Lichtern,
die seit gestern Abend für die Tiere vor den Mauern des Schlachthofs
brennen.

Foto: privat
Alle menschlichen
Kümmernisse relativieren sich an diesem Ort. Alles was mich persönlich betrübt
oder worüber ich mich ärgere, wird null und nichtig im Angesicht des Todes von
Lebewesen, die nichts anderes tun wollten wie wir: Leben und sich am Leben
freuen.
Wer stirbt schon gerne vor seiner Zeit?
Kein Mensch und auch kein Tier. Jeder gewaltsame Tod durch Menschenhand ist
zutiefstes Unrecht. Fleisch bedeutet keine Lebenskraft, sondern Tod. Fleisch
bedeutet Leid. Unsagbares Leid und Verzweiflung.Das ist es, was Menschen essen. Den zerstückelten
Ausdruck von Qual, Angst und Tod. Fleisch ist kein „Stück Lebenskraft“ sondern
ein Stück vom Tod. Jeder Bissen. Da gibt es nichts zu beschönigen oder
wegzurationalisieren.Dies ist eine verzweifelte Bitte an
jeden einzelnen Menschen, der noch Fleisch isst. Für jene Wesen, die nur
verzweifelt rufen können angesichts der Endgültigkeit ihres Todes. Bitte beendet
dieses Leid, das tagtäglich, in jeder Sekunde auf diesem Planeten stattfindet.
Es gibt so viele gute pflanzliche Alternativen und Möglichkeiten, sich zu
ernähren. Der menschliche Körper braucht auch keine Milch. Die Milch ist für das
Kalb gedacht. Immer wieder passiert es, dass trächtige Kühe geschlachtet werden.
Was muss so eine Kuh empfinden, wenn sie in der Schleuse auf ihren Tod wartet?
Was empfindet dieses kleine heranwachsende Wesen in ihrem Leib?
Es gibt ein Grauen, für das es keine Worte
gibt.Bitte – jeder Einzelne kann dieses
unfassbare Leid beenden.
Es ist nur ein kleiner Schritt.
Er bedeutet
Leben.

Foto: privat
(c) Daniela Böhm
Von Leben
und Tod
Gruß Hubert