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Samstag, 23. Februar 2013

Was bedeutet "Zivilisation"?


Erich Kästner Das Soundfile zum Gedicht!
Gelesen vom Autor (gelesen vom Autor)




Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit
 böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.


Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.


Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.


Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.


Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.


So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Erich Kästner


Dienstag, 11. Dezember 2012

Martha's Advents-Box 2012 *** 11. Dezember

NEU: Martha's Advents-Box 2012 *** 11. Dezember (von Martha Stadlmair) (11.12.2012)


11. Dezember 2011

Freude 

Die Engel im Himmel sangen wunderschön. Ein kleiner Engel hatte sich in
den Chor geschlichen und sang mit holpriger Stimme, dafür mit umso
mehr Inbrunst, seine selbst erfunden Lieder dazwischen. Der stolze
Engelchordirigent warf dem kleinen Engel böse Blicke zu.
 

In einer Pause quakte der kleine Engel: „La la la, ich bin so gerne da!“
Das war zuviel für den Dirigenten. „Halt, stopp!, Du störst die Reinheit der 
Musik!“ Kurzerhand warf er den Kleinen von der Wolke.

Mit tränenblinden Augen tastete der kleine Engel nach seinem 
Gesangsbuch, das er beim Sturz verloren hatte und verkroch sich 
weinend in einer Regenwolke. Nach einiger Zeit drang durch den Nebel 
eine sanfte Stimme an sein Ohr: „Du, Winzling, was hast du denn?“

Der kleine Engel schniefte und erblickte über sich das lächelnde Gesicht 
eines älteren Engels. „Ich,“ geräuschvoll zog er den Inhalt seiner Nase 
hoch, „ich darf nicht im Chor singen. Aber Singen macht mir solche 
Freude!“

„Wer sagt, dass du nicht singen darfst?“, fragte der ältere Engel. 

„Der Dirigent! Er hat mich von seiner Wolke geworfen.“ Erneut Tränen in 
den Augen des Kleinen. „Etwas verstehe ich aber nicht, warum darfst du 
nicht mehr singen?“ „Er hat gesagt, er will mich nicht in seinem Chor 
haben, dabei habe ich ganz eigene Lieder gemacht.“ 

Er streckte dem älteren Engel sein Gesangsbuch hin. Der blätterte darin 
und schaute dann den Kleinen ernst an. „Kannst du diese Lieder nur im 
Chor singen?“ „Ähm… Nein…?“ Der ältere Engel lächelte. Der Kleine 
wischte sich die Tränen vom Gesicht. Ein Hoffnungsschimmer trat in seine 
Augen. 

„Ich könnte mir eine eigene Wolke suchen und darauf singen. Würde ich 
dann den Chor nicht trotzdem stören?“ Der Engel schüttelte den Kopf. 
„Der Himmel ist weit!“ Er lächelte dem Kleinen ermutigend zu, drückte ihm 
das Gesangsbuch in die Hand und verschwand im Nebel. 

Ein Weilchen blieb der kleine Engel in seiner Regenwolke sitzen. Dann 
kroch er hinaus und schaute sich nach einer neuen Wolke um. Es dauerte 
gar nicht lange, da schwebte ein Wölkchen herbei. Freudig liess er sich 
darauf nieder. 

Er klappte sein Gesangsbuch auf und sang. Je länger er sang, desto 
fröhlicher wurde er. Die Engel, die ihn hörten, wurden von seiner Freude 
angesteckt und stimmten in den Gesang ein. Jeder Engel sang genau 
das, was er in seinem Herzen spürte. Es wurde ein Konzert voller 
Lebensfreude und Hingabe. Und Gott hörte zu und lächelte.



© Karin Jörger-Egger


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